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Inspirierte Philosophen und zieht immer noch Blicke auf sich: Citroën DS, die Göttin. Foto: Kraas & Lachmann, Tübingen

21. September 2016

„Wo sehen Sie gutes Design, Herr Tinius?“

Fährt man an einem normalen Wochentag auf der A8 von Stuttgart nach München macht man, als Mensch, der nicht täglich mit Designfragen befasst ist, die folgende Beobachtung: Ein Blick auf die Silhouette eines Autos aus einer Entfernung von, sagen wir mal knapp 100 Metern, reicht nur noch in den allerwenigsten Fällen, um sicher Marke und Fahrzeugtyp zu bestimmen. Leicht ist da ein Lexus mit einem Mercedes, ein Opel mit einem BMW, ein SEAT mit einem Peugeot verwechselt.

Gut, hin und wieder rauscht ein 911er im Rückspiegel heran, dann gibt es kein Vertun. Oder, noch schöner, man hat das ästhetische Vergnügen, eine Göttin zu überholen. Sie erinnern sich? Citroën DS hieß das Modell korrekt, das von 1955 bis 1975 gebaut wurde. Am 24. April 1975 lief das letzte von gut 1,4 Millionen Fahrzeugen vom Band.

Die Déesse (Französisch für Göttin) war so unfassbar anders, dass der französische Kulturphilosoph Roland Barthes in seinem berühmt gewordenene Aufsatz „Der neue Citroën“ (La nouvelle Citroën, 1957) dieses Automobil mit einer gotischen Kathedrale verglich: „Ich meine damit: eine große Schöpfung der Epoche, die mit Leidenschaft von unbekannten Künstlern erdacht wurde und die in ihrem Bild, wenn nicht überhaupt im Gebrauch von einem ganzen Volk benutzt wird, das sich in ihr ein magisches Objekt zurüstet und aneignet.“ (Quelle: FAZ.net., zitiert aus: Roland Barthes: Die Mythen des Alltags, Suhrkamp Taschenbuch 2012)

Tja, hat man schon Mal solche Worte eines Philosophen über den Astra, den 7er oder die neue E-Klasse gehört? Der Journalist Gerhard Matzig hat Ende 2015 in der Süddeutschen in einem lesenswerten Artikel („Fahr zur Hölle“) die These aufgestellt, dass die Krise des Autos auch und vor allem die seiner Ästhetik sei. Das ist provokant, aber er belegt seine These mit schönen Beispielen, in dem er etwa den Mini mit einem an Adipositas erkrankten Doppelwhopper vergleicht.

Wir sprachen mit dem Industriedesigner Michael Tinius von Busse Design + Engineering aus Ulm. Für die Gestaltung unserer Schleifmaschine Multigrind® CB wurde das Team von Tinius mit dem Red Dot Designpreis ausgezeichnet.

Schleifblog: Herrn Tinius, erklären Sie unseren Lesern zum Einstieg kurz Ihre Aufgaben als Chefdesigner von Busse Design, wo es ja hauptsächlich um die Gestaltung von Industrieprodukten geht: vom Rasenmäher bis zum Hightech-Schleifzentrum.

Michael Tinius: Neben übergeordneten Themen der Präsentation und Repräsentation des Unternehmens organisiere ich als Chefdesigner unsere Designabteilung, plane Kapazitäten und lenke fachlich die Projekte bezüglich Qualität, Termine und Kosten. Im Herzen bin ich aber immer Gestalter geblieben, gebe Gestaltungsstrategien und Entwicklungsziele vor, entwickle mit den Teams  formale Inhalte und formuliere auch mal das Design bis in die Details aus. 

Steckt das Automobildesign in einer Krise? Haben wir, wie Gerhard Matzig in der SZ schreibt, „das zukunftstaugliche Erbe von Bauhaus und Ulmer Schule schnell verschleudert“? Wie geht’s Ihnen, wenn Sie über die Autobahn fahren und sich die Autos anschauen?

Die ganze Branche leidet unter einer Neurose zur Monstrosität. Grundsätzlich entwickeln sich die Autos in meinen Augen in eine falsche Richtung. Damit meine ich nicht nur das Design. Die Frage muss erlaubt sein: was braucht der Mensch eigentlich, um von A nach B zu kommen? Mehr Bescheidenheit wäre wünschenswert, nicht nur in ökologischer Sicht. Eine Rückbesinnung auf das Essenzielle ist notwendig, auch um die Gemeinschaft der Autofahrer wieder zusammenzuführen. Das sind Strategiefragen. Ich bin mir sicher, dass die Automobildesigner auch Antworten fänden, die außerhalb reiner Styling- und Imageabsichten liegen. Das aktuelle Automobildesign wirkt auf mich stilistisch oft überladen, formal zu komplex, mit der Überdynamisierung von Linien und Flächen verliert das Produkt seine Ernsthaftigkeit.

Wie sieht es in der produzierenden Industrie aus? Genießt das Produktdesign zum Beispiel im Maschinenbau den Stellenwert, der ihm gebührt, auch im Hinblick auf die Markenbildung?

Da hat sich viel getan. Der Maschinenbau hat gelernt, dass Design nicht Kosmetik ist, sondern die Qualitäten des Produkts visualisiert und herausstellt. Lösungen im Bereich des Großmaschinenbaus wirken fast schon architektonisch. Da gibt es wunderbare Beispiele. Die Regeln des Markendesigns gelten auch im Maschinenbau: Design schafft Identität und damit Vertrauen.

Sollten sich angehende Maschinenbauingenieure während ihrer Ausbildung nicht auch intensiver mit guter Gestaltung, Design und Designgeschichte befassen?

Nicht nur Ingenieure, jeder sollte sich mit Phänomenen der Gestaltung beschäftigen. Produkte prägen unsere Konsumwelt, sie zu hinterfragen und zu verstehen, auch bezüglich ihrer Formensprache, macht uns kritischer, kompetenter, autonomer. Ich gebe auch Skizzier- und Entwurfsseminare für Ingenieure. Neben dem Erlernen und Verbessern der eigenen Darstellungsfähigkeiten erfahren die Teilnehmer auch, wie Designer denken und wie schwierig es ist, eine eigene, gestalterische  Vorstellung zu entwickeln und als Entwurf auszuarbeiten. Danach werden sie meist nachdenklicher…

 

Ihr Kollege Dieter Rams hat Design mal mit dem Beschneiden eines Bonsais verglichen, er sprach von Formgebung auf begrenztem Raum. Wie ist Ihre ganz persönliche Definition von Design und welche Vorbilder würden Sie nennen?

Mein Vorbild ist die Natur und ihre Fähigkeit zur kompromisslosen Optimierung. Persönlich möchte ich nicht das Große beschneiden, sondern das Kleine groß machen, im übertragenen Sinne. Der Designer ist Generalist, er sollte sich nicht eingegrenzt fühlen, denn schließlich laufen bei ihm die Fäden zusammen. Er integriert die verschiedensten Fakultäten und fokussiert die Anforderungen aus Technik, Fertigung, Ergonomie und Ästhetik auf einen Punkt. Für mich ist die Frage spannender, was Design bewirkt und nicht was Design ist.

Schleifmaschine Multigrind® CB, Designpreisträgerin und Hightech-Schleifzentrum von Haas. Foto: Herbert Naujoks

Wo sehen Sie heute gutes Design, im Industrie- oder im Konsumgüterbereich? Gibt es Klassiker, die man immer noch anschauen kann?

Beide Bereiche haben sich meiner Meinung nach stark angenähert, beziehungsweise überlappen sich. Unsere vielen kleinen Helfer im Haushalt haben oft eine fast schon architektonische Gestaltungsstruktur und wirken puristisch, während Maschinen und Großgeräte in Form und Farbe auch mal komplexe Stilmerkmale aufweisen. Jeder Einstellungstyp wird bedient, heute ist alles möglich. Gutes Design macht Funktionen erlebbar, sollte Emotionen auslösen und  positiv anregen. Produkte von Braun, Ingo Maurer und iittala wirken auf mich nach wie vor wohltuend sachlich, trotzdem kreativ und vermitteln formale Beständigkeit, wenn auch auf völlig unterschiedliche Weise.

Gibt es Design-Auswüchse, wo Sie sagen, das ist daneben, da hat der Designer überzogen?

Die Relation zwischen Schein und Sein unterliegt der persönlichen Betrachtung. Der Gang durch ein Möbelhaus oder eine Leuchtenabteilung kann einen aber durch die Untiefen des Geschmacks führen. Ob die Designer daran schuld sind, weiß ich nicht. Hier habe ich den Eindruck, dass es zwischen elitären Designmarken und Billigheimern in der Fläche wenig gibt.

Was hat Sie dazu bewogen, den Beruf des Designers zu ergreifen?

Gestalten wollte ich schon immer, eigentlich egal was. Für mich liegt der große Reiz im Unbekannten, in der Entdeckung und nicht in der Wiederholung. Plakativ ausgedrückt: jede Marke, jedes Produkt ist anders. Dingen Gestalt und Funktion zu geben und damit andere Menschen zu erreichen, ist für mich etwas Großes.

Wo holen Sie sich die Inspiration für ihre Arbeit und wie wichtig sind Anregungen aus anderen Kunstformen?

Wer versucht, die Polyphonie der Bach´schen Musik zu ergründen, wird leichter Zugang finden, komplexe Formstrukturen zu harmonisieren. Die Musik ist die Höchste aller Künste, vor allem in Verbindung mit Bewegung und Handlung. Deshalb sitze ich oft im Konzert- oder Opernhaus, oder musiziere selbst. Malerei, Bildhauerei, Literatur, Fotografie, alles was die Sinne anregt, ist mir willkommen.

Letzte Frage:  Welches Buch oder Text zum Thema Gestaltung/Design empfehlen Sie interessierten Leser/innen, die Design nicht studiert haben.

Lucius Burkhardt: Design ist unsichtbar.

Schleifblog: Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Funktional und ästhetisch: Zugang zum Werkzeugwechsler der Schleifmaschine Multigrind® CB. Foto: Herbert Naujoks

Ihr Ansprechpartner bei BUSSE:
Michael Tinius, Chefdesigner
tinius@busse-design.com
Tel: +49 7308 811 499 70

Ihr Ansprechpartner schleifblog.de:
Norbert Kraas
norbertkraas@kraas-lachmann.comhttp://www.kraas-lachmann.com
Tel: +49 7071 9799-0

Quelle: Norbert Kraas, www.schleifblog.de 

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